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„Wir lernen mit jedem Spiel“

Mit Computerspielen schulen Menschen wichtige Fähigkeiten, meint Thomas Bremer, Professor für Game Design an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Sogar Kranken kann Spielen helfen.

Computerspiele haben in Deutschland keinen besonders guten Ruf – zu Recht?
Das ist ein sehr deutsches Phänomen. Hier gilt es als Übel, wenn man seine Zeit nicht sinnvoll verwendet – Zeitverschwender sind damit Übeltäter. Dabei hat Deutschland eine große Spieletradition, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. In der technikfeindlichen Stimmung der 1970er- und 1980er-Jahre hat sich diese aber nie auf Computerspiele übertragen. Dabei kam der erste große Spielzeughersteller aus Deutschland, was heute in Vergessenheit geraten ist. Zudem sind die Deutschen bei technischen Neuerungen gern auf Gefahren fixiert. In den übrigen Ländern der Welt sind die Menschen aufgeschlossener.

Was macht ein gutes Spiel denn aus?
Ein Spiel funktioniert dann, wenn der Spieler in einen Flow kommt, wenn also die Mischung aus Anstrengung und Entspannung stimmt. Sie muss ideal zu dem jeweiligen Spieler passen, es darf nicht zu leicht und nicht zu schwierig sein. Das ist natürlich individuell sehr verschieden. Und es kommt immer auf die Zielgruppe an: Männliche Jugendliche spielen eher actionorientiert, Ältere wollen planen und überlegen. Letztlich sind jedoch die Spielertypen hoch unterschiedlich.

Multiplayer Games schulen die Teamfähigkeit.

Prof. Thomas Bremer, HTW Berlin

Kann man denn mit Computerspielen auch etwas lernen?
Wir lernen mit jedem Spiel dazu und trainieren das Gehirn. So schulen beispielsweise Multi-Player-Games, bei denen mehrere Spieler miteinander spielen, die Teamfähigkeit: Nur wenn man gut zusammenarbeitet, kommt man weiter. Selbst von einem Ego-Shooter wie Counterstrike profitiert man, indem man seine Hand-Augen-Koordination und die Reaktionsfähigkeit verbessert. Das Vorurteil, dass solche Spiele gewalttätig machen, konnte in Studien übrigens nie nachgewiesen werden. Und entgegen dem gängigen Klischee haben Gamer überdurchschnittlich oft Abitur, sie sind gesellig und haben Freunde. Aber natürlich will ich die Gefahren nicht kleinreden: Wenn jemand exzessiv spielt, ist das schädlich. Das gilt aber auch für Essen, Trinken oder Sport.

Machen Computerspiele auch gesund?
Zumindest unterstützen sogenannte Smart Games bei der Heilung: Zum Beispiel kann man in der Reha Patienten spielerisch zum Laufen auf dem Laufband motivieren. Meine Kollegin, Professorin Brandhorst, hat darüber hinaus ein sehr erfolgreiches Spiel mit dem Namen „Schiff Ahoi“ entwickelt. Das ist für Personen, die kurz vor der Demenz stehen oder die schon dement sind. Dabei machen die Spieler eine virtuelle Kreuzfahrt, ein Thema, das Älteren sehr naheliegt. Durch das Spiel bewegen sich die Betreffenden durchs Mittelmeer und lösen Aufgaben: So darf zum Beispiel beim Essen manches auf den Teller, manches nicht. Nach 3 Monaten hat das Spiel die Gehirnleistung der Patienten entscheidend verbessert, das belegen Studien.

Spielen Sie privat auch Computerspiele?
Nein, nie (lacht). Das verbinde ich immer mit Arbeit.

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