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Die Streaming-Revolution

Streaming verändert unsere Sehgewohnheiten und auch das klassische Fernsehen, sagt Wirtschaftspsychologin Dr. Anna Schneider von der Hochschule Fresenius.

Dr. Anna Schneider, Wirtschaftspsychologin an der Hochschule Fresenius in Köln.

Mehr als 20 Prozent der unter 25-Jährigen haben laut Ihrer Studie in den vergangenen sechs Monaten nie einen Fernseher eingeschaltet. Warum?
Oft besitzen junge Leute keinen eigenen Fernseher, zum Beispiel weil sie sich das Gerät nicht leisten können oder aber noch nicht in einer eigenen Wohnung leben. Außerdem sind junge Nutzer viel unterwegs und wollen Inhalte ansehen, wann und wo es Ihnen gefällt. Und das geht am besten mit Streaming. Es gibt aber einen deutlichen Alterseffekt: Personen, die älter als 25 sind, nutzen häufiger noch das klassische Fernsehen. Allerdings steigt auch hier die Zahl der Streaming-Nutzer.

Warum? Was sind die Vorteile von Streaming?
Man ist sein eigener Programmchef und muss sich nicht danach richten, was ein Fernsehsender wann ausstrahlt. Zudem kann man auf Pause drücken, wenn man eine Sendung unterbrechen will. Die Konsumenten erhalten dadurch eine Selbstbestimmtheit, die gut in unsere individualisierte Zeit passt.

Sind deshalb so viele bereit, für Fernsehen zusätzlich zu bezahlen? Immerhin hatte Pay-TV in Deutschland lange einen schweren Stand.
Streaming-Portale wie Amazon oder Netflix locken Konsumenten geschickt an. So wird der erste Monat oft kostenlos angeboten. Und wenn sich Nutzer erst daran gewöhnt haben, möchten sie Streaming nicht mehr missen. Sie sind dann auch bereit, zusätzlich Geld für Angebote innerhalb der Portale auszugeben: Einige Filme kosten ja extra, obwohl man schon eine monatliche Grundgebühr bezahlt.

Verändert Streaming das klassische Fernsehen?
Streaming-Portale revolutionieren den Markt durch ihre eigenen Angebote. Sie reagieren hochsensibel auf den Bedarf des Publikums. So hat beispielsweise Netflix die Serie „Gilmore Girls“ wiederbelebt, die vom klassischen TV bereits vor Jahren eingestellt worden war. Auch das Fernsehen hat sich teilweise deutlich gewandelt und nutzt digitale Möglichkeiten: So hat Pro Sieben Sat.1 um Sendungen wie „Germany’s next Topmodel“ ganze Erlebniswelten im Netz geschaffen – zum Beispiel mit zusätzlichen „Backstage-Reportagen“ oder auch Schminktipps, die von einem Hersteller gesponsert werden.

Hat das klassische Fernsehen noch Vorteile gegenüber Streaming?
Gerade bei Nachrichten schreiben Verbraucher den Streaming-Portalen wie Amazon oder Netflix noch keine hohe Glaubwürdigkeit zu. Das klassische Fernsehen, insbesondere die öffentlich rechtlichen Sender, stehen hingegen für fundierte, gut recherchierte Beiträge. Auch der regionale Bezug fehlt bei Streaming völlig. Und was man nicht unterschätzen darf: Fernsehen bedeutet für viele Menschen Entspannung. Sie wollen sich einfach berieseln lassen und keine Auswahl treffen müssen. An diesem Punkt haben Streaming-Portale noch Nachholbedarf.

Inwiefern?
Die Algorithmen müssen besser werden. Derzeit geben sie noch keine individuellen, bzw. keine idealen Empfehlungen: Man muss nach dem Login auf einem Portal also zunächst aktiv aus einer Vielzahl von Angeboten auswählen, bevor man sich entspannt zurücklehnen kann. Aber ich bin sicher, dass sich das bald ändern wird.


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