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Einfach mehr Speed

Bochum wird Deutschlands erste Stadt mit Gigabitgeschwindigkeit. Welche Möglichkeiten gibt es, das Tempo im Netz zu erhöhen, und wie zukunftsfähig sind diese Lösungen?

In der Bochumer Flüssesiedlung wird das Internet blitzschnell. Daniel Dierich von der VBW Bauen und Wohnen sowie Karin Filipov von Unitymedia sehen sich vor Ort um.

In der Bochumer Flüssesiedlung wird das Internet blitzschnell. Daniel Dierich von der VBW Bauen und Wohnen sowie Karin Filipov von Unitymedia sehen sich vor Ort um.

Daniel Dierich hat alle Hände voll zu tun. Denn in der Bochumer Flüssesiedlung wird gebaut – und das schnelle Highspeed-Internet zieht mit ein. Gerade ist ein Wohnhaus mit 54 Parteien fertig geworden, die Mieter sind bereits eingezogen. Schnell ist das Internet dort jetzt schon. Bald jedoch wird es den Geschwindigkeitsrekord brechen: Mit bis zu 1.000 Mbit/s im Download jagen die Daten dann durchs Netz. Internet in Gigabitgeschwindigkeit. Das gibt es sonst nirgends in Deutschland. Und daran hat auch Dierich seinen Anteil: Er arbeitet beim Bochumer Unternehmen VBW BAUEN UND WOHNEN GmbH in der Abteilung Unternehmensstrategie im Bereich Forschung und Entwicklung. Damit ist er zuständig für Innovationen und multimediale Themen sowie Neuheiten.

Und eine solche ist gerade in Bochum zu bestaunen: „Rund 13.000 Wohnungen der VBW werden Zugang zum Internet in Gigabitgeschwindigkeit haben“, sagt Norbert Riffel, Geschäftsführer der VBW Bochum. „Das sind fast 10 Prozent der Wohnungen hier in der Stadt.“

Norbert Riffel (l.) und Daniel Dierich arbeiten daran, dass alle Wohnungen der VBW mit Gigabitinternet versorgt werden können.

Internet mit Hochgeschwindigkeit, genug Performance für alle. „Dafür schließen wir als erstes Wohnungsunternehmen in Bochum all unsere Objekte bis in die Keller ans Glasfasernetz an“, sagt Daniel Dierich. Ein Meilenstein. Möglich macht das die Gigabit-City Bochum. Thomas Eiskirch, Oberbürgermeister der Stadt, hatte das Projekt 2017 präsentiert. Die wichtigsten Partner: Unitymedia und die Stadtwerke Bochum. Unitymedia nutzt dabei die bereits bestehende Infrastruktur und macht die Netze auf technischem Wege schneller, die Stadtwerke schließen Immobilien an das Glasfasernetz an. In wenigen Monaten können die ersten Bochumer Haushalte und Unternehmen Gigabittarife buchen, zum Jahresende werden 95 Prozent der Haushalte mit Gigabitgeschwindigkeit surfen können.

Die Wirtschaft braucht schnelles Internet

Besonders für die Industrie ist das Hochgeschwindigkeitsnetz interessant: Unter dem Stichwort Industrie 4.0 schreitet die Vernetzung weltweit voran. Ohne schnelles Internet ist eine komplett vernetzte Industrie undenkbar. Und die nutzte 2016 laut einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom bereits jedes 2. Industrieunternehmen in Deutschland, Tendenz steigend. So bekommt der Strukturwandel in der Region neuen Schwung – und die Stadt einen echten Standortvorteil. „Schnelles Internet ist eine der wichtigsten Infrastrukturen der Zukunft“, sagt Eiskirch. Denn Hochgeschwindigkeitsnetze sind in der Wirtschaft ein Jobmotor, sie entscheiden über die Zukunft von Städten und Gemeinden.

 

Schnelles Internet ist eine der wichtigsten Infrastrukturen der Zukunft

Thomas Eiskirch, Oberbürgermeister der Stadt Bochum

Deutschland hinkt beim Breitbandausbau international jedoch nach wie vor hinterher. Rund 4,4 Milliarden Euro wurden durch ein Bundesförderprogramm seit 2015 investiert. Allerdings floss das Geld vornehmlich in veraltete Kupfertechnologie. Vor 3 Jahren gab die Bundesregierung im Rahmen ihrer digitalen Agenda das ehrgeizige Ziel aus, dass bis 2018 alle Haushalte einen Breitbandanschluss besitzen sollten. Schnelles Internet, das waren für die Bundesregierung damals 50 Mbit/s.

Laut Bundesnetzagentur besitzen Anfang 2018 nun rund 80 Prozent der deutschen Haushalte einen entsprechenden Anschluss. Einige Regionen haben jedoch nach wie vor keinen Zugang zum Breitbandnetz – zumindest auf dem Land. Dort surfen bislang nur 36 Prozent der Haushalte mit 50 Mbit/s. Der größere Rest ist deutlich langsamer unterwegs. Vor allem hügelige und dünn besiedelte Gebiete sind noch vom Breitbandinternet abgeschnitten.

In allen VBW-Immobilien werden Glasfaser bis ins Gebäude verlegt (FTTB).

In Bochum erreicht das COAX-Glasfasernetz von Unitymedia vor dem Start der Gigabit-City bereits rund 90 Prozent der Haushalte der Ruhr-Metropole. COAX-Glasfaser, das bedeutet, dass Glasfaserkabel bis zum Verteilerkasten auf der Straße oder in die Keller der Häuser reichen. Der Rest der Strecke wird durch Koaxialkabel mit Kupferkern zurückgelegt. Da sie mehrfach geschirmt sind, werden die Signale störungsfrei übertragen. Durch dieses sogenannte Hybridnetz aus Glasfaserkabeln und Koaxialkabeln sind bei Unitymedia bereits heute Geschwindigkeiten von 400 Mbit/s möglich.

Mit DOCSIS 3.1 ins Gigabitzeitalter
Doch wie wird das Internet in Bochum nun eigentlich so viel schneller? Dazu werden neue Regionen erschlossen, in die noch keine Glasfaserkabel hinreichen. In Bochum sind das 3,8 Prozent des Stadtgebiets. Der Großteil der Haushalte bekommt ganz ohne Baustelle einen Internet-Turbo: durch den neuen Übertragungsstandard DOCSIS 3.1, auf den Unitymedia sein Kabelnetz umrüstet. DOCSIS ursprünglich aus den USA und organisiert die Datenübertragung innerhalb des Breitbandkabels. Damit verbessert sich die Übertragungsqualität innerhalb der Netze erheblich. Bereits vorhandene Bandbreiten werden damit effizienter genutzt – und zwar bis zu 70 Prozent, stellt der Verband Deutscher Kabelnetzbetreiber fest. Zudem können mit DOCSIS 3.1 bestehende Bandbreiten in Zukunft einfach erweitert werden, sodass Nutzer mittelfristig mit mehreren Gigabits surfen können.

Außerdem kommt DOCSIS 3.1 auf leisen Sohlen: Es muss keine Straße aufgerissen, keine Immobilie neu verkabelt werden. Die Umstellung erfolgt technisch durch Unitymedia. Hohe Internetgeschwindigkeiten wie mit DOCSIS 3.1 sind ansonsten nur möglich, wenn das Glasfaserkabel bis in die Wohnung reicht – das sogenannte Fiber to the Home (FTTH). Bei Neubauten ist dies meist schon Standard, bei bestehenden Immobilien sind dafür jedoch Umbauarbeiten notwendig: Die alten Koaxialkabel müssen aus der Wand gerissen und ersetzt werden. Zudem sind derzeit noch keine Fernseher oder anderen Endgeräte erhältlich, die die Lichtsignale aus den Glasfaserkabeln direkt verarbeiten können. Demzufolge müssen zusätzliche Geräte verbaut werden, sogenannte optische Wandler.

Bochums Oberbürgermeister Thomas Eiskirch setzt auf die Gigabit-City Bochum

Ursprünglich waren die Netze der Kabelbetreiber nur für Fernsehen ausgelegt. Doch schnell stellte sich heraus, dass Koaxialkabel viel weniger störungsanfällig sind als die in Telefonnetzen verwendeten Kupferkabel, durch die Haushalte DSL und VDSL empfangen. In den ungeschirmten Telefon-Kabel verlaufen 2 Kupfer-Doppeladern. Dadurch können sich bei der Datenübertragung die Signale gegenseitig stören. Das bremst wiederum die Geschwindigkeit im Netz: Mehr als 16 Mbit/s sind mit normalem DSL nicht drin.

Mehr Speed mit Koaxialkabeln
Außerdem ist die Reichweite gering. Je weiter eine Immobilie vom Verteilerkasten entfernt ist, umso langsamer wird das Internet. Dieses Problem tritt bei Koaxialkabeln nicht auf. Deutlich mehr Speed ist mit VDSL und VDSL 2 beziehungsweise VDSL-Vectoring möglich, da hier die Störfaktoren im Kabel reduziert wurden. Mit dem Supervectoring, das Mitte 2018 auf den Markt kommt, sind Geschwindigkeiten bis zu 250 Mbit/s drin, mittelfristig peilen Telefonanbieter 500 Mbit/s an. Die Gigabitgesellschaft liegt damit immer noch in weiter Ferne.

In Bochum dagegen werden die Ersten bald mit Gigabitgeschwindigkeit surfen. Weitere Gigabit-Citys sind bereits in Planung, noch in diesem Jahr soll es losgehen. Ein zukunftsweisender Schritt: Denn bereits 2025 werden 75 Prozent aller Haushalte und Unternehmen Bandbreiten von mehr als 500 Mbit/s nachfragen. In der Ruhrmetropole hat die Zukunft längst begonnen.

© Oliver Tjaden / © BoGestra, Grosler