Magazin

Immobilienbesichtigung 3.0

Virtual Reality und Breitband-Internet revolutionieren die Vermarktung von Immobilien: Mit Cyber-Brillen lassen sich Häuser und Wohnungen begehen, die es noch gar nicht gibt.

Familie R. ist im Einrichtungsfieber. Lehrerin Nina steht im Wohnzimmer. Durch die Panoramafenster fällt Morgenlicht. „Wollen wir die Wand hier in Chinese Blue streichen oder doch lieber in Cabbage White?“ Blau gefiele ihm, ruft Ehemann Christian. Der selbstständige Unternehmer begutachtet in der Küche mit Sohn Raphael die Arbeitsplatte. „Die muss viel breiter sein. Und vielleicht lieber aus Granit?“. Familie R. ist nicht in Köln, wo sie in 2 Jahren ihre Traumimmobilie beziehen möchte. Sondern daheim in ihrer Hamburger Altbauwohnung. Und die Wohnung, deren Räume sie gerade durchstreift: Sie existiert noch gar nicht. Die 3 tragen Cyberbrillen und drehen ihre Köpfe in alle Richtungen.

Das Hauptpotenzial von Virtual Reality in der Immobilienbranche liegt in der Visualisierung von Neubauten, die noch gar nicht existieren.

Ralf von Grafenstein, Immoviewer

Das nächste Level der Immobilienbegehung
Eine Immobilie begehen, die es noch gar nicht gibt? Virtual Reality (VR) macht es möglich. Die Technologie zur Wirklichkeitssimulation stammt aus der Gaming-Szene und setzt nun auch in der Immobilienwirtschaft Trends. Sie führt Eigentümer und Käufer, Vermieter und Mieter, Bauherren und Architekten zusammen – auch über große Distanzen. Mithilfe von VR-Brillen lassen sich Häuser und Wohnungen virtuell besichtigen – fotorealistisch, in der dritten Dimension und mit 360-Grad-Rundumblick. Die Software dafür programmiert zum Beispiel ein Potsdamer Start-up: Die Firma Immoviewer entwickelt VR-Anwendungen, die Anbieter bei der Vermarktung ihrer Objekte unterstützen sollen. „Virtual Reality hat enormes Potenzial auf dem Immobilienmarkt“, meint Gründer und Geschäftsführer Ralf von Grafenstein. 360-Grad-Rundumschauen gibt es schon lange. Neu ist, dass Immobilienanbieter Werkzeuge an die Hand bekommen, mit denen sie eigenständig virtuelle Rundgänge durch bestehende Objekte realisieren können. Immoviewer beispielsweise offeriert einen Werkzeugkasten, der aus Kamera, Stativ, Software und VR-Brille besteht. Mit ihm lässt sich ein VR-Rundgang durch eine 3-Raum-Wohnung in einer Viertelstunde erstellen.

 

Mit einer VR-Brille lassen sich Immobilien überall auf der Welt bequem vom eigenen Wohnzimmer aus besichtigen.

Potenzial vor allem im Neubaubereich
Das Hauptpotenzial von VR in der Immobilienbranche sehen Experten aber nicht in der virtuellen Besichtigung von Bestandsimmobilien, sondern in der Neubauvisualisierung. Anhand eines Grundrisses und einer Bauleistungsbeschreibung lassen sich noch nicht existente Immobilien in 3-D darstellen und virtuell begehbar machen. So wurde auch die Neubauwohnung in Köln, die Familie R. virtuell besichtigte, nach den Vorgaben des Bauherren und passend zu den Wünschen der Familie mit digitalem Mobiliar ausgestattet. Es soll sogar bereits Interessenten gegeben haben, die Objekte allein aufgrund eines solchen virtuellen Rundgangs erworben haben. Auch Privatimmobilienmakler Roman Bühner-Lomberg von Lomberg.de Immobilien aus Krefeld setzt auf VR-Technik und erstellt seit 3 Monaten für jedes Objekt einen 360-Grad-Rundgang. Bauträger und Interessenten seien begeistert. „Bei vielen Kunden war der VR-Rundgang mit ausschlaggebend für die Kaufentscheidung.“ 

Virtual Reality bietet neue Möglichkeiten für die Vermarktung von Immobilien, die noch nicht fertiggestellt sind.

Virtual Reality bietet neue Möglichkeiten für die Vermarktung von Immobilien, die noch nicht fertiggestellt sind.

Jeder profitiert
Virtuelle Immobilienbesichtigung bietet Vorteile für alle Seiten. Sie macht Bauprojekte erlebbar, die an entfernten Orten liegen oder noch gar nicht existieren, „Virtual Reality ist ein mächtiges Marketing-Instrument, vor allem wenn es darum geht, emotionale Themen zu transportieren“, sagt Angelika Huber-Straßer vom Beratungsunternehmen KPMG. Denn nicht jeder Bauherr kann sich unter Architektenzeichnungen etwas vorstellen. Käufer und Mieter möchten die Immobilien sehen und erleben. Auch für Vermittler von Auslandsimmobilien ist die Technik interessant, denn ihre Kunden sparen sich die oft weite Anreise. Soll eine Bestandsimmobilie besichtigt werden, muss der Vermieter mit dem Bewohner keinen Termin absprechen und braucht auch selbst nicht vor Ort zu erscheinen. Und egal wie viele Interessenten durch sein Schlafzimmer wandeln: Der aktuelle Bewohner bekommt nichts davon mit. Einen Haken hat die Sache aber noch: In der virtuellen Wohnung kann sich der Besucher nicht völlig frei bewegen. Er ist an vorab festgelegte Standpunkte gebunden. Das soll sich dank der Technologie Unreal Engine bald ändern: Sie ermöglicht es, Architekturvisualisierungen so zu programmieren, dass der Betrachter komplette Bewegungsfreiheit hat und mit seiner Umgebung interagieren kann. Gegenwärtig ist so eine hochrealistische Produktion noch sehr kostspielig.

Virtual Reality erobert den Massenmarkt
Genau das bremst Virtual Reality aktuell noch: die hohen Kosten, vor allem für Endnutzer, und die Tatsache, dass technisch noch nicht alles möglich ist. Doch die Entwicklung schreitet rasant voran: „Sobald Virtual-Reality-Technologie ausgereift und für Content-Produzenten und Konsumenten günstiger geworden ist“, erklärt Huber-Straßer, „wird sie das Massenpublikum erreichen.“ Laut der KPMG-Studie „Neue Dimensionen der Realität“ werden virtuelle Kollaboration und Echtzeitsimulation im Jahr 2020 eine zentrale Rolle im B2C- und B2B-Immobilienmarkt spielen: Schon in den ersten 2 Monaten dieses Jahres sei mehr in Virtual-Reality- und Augmented-Reality-Unternehmen investiert worden als im gesamten Jahr 2015. Der New Yorker Investmentbanker Goldman Sachs geht davon aus, dass die Umsätze bis 2025 auf weltweit 80 Milliarden US-Dollar ansteigen werden. Viele Unternehmen definieren Virtual Reality als strategische Priorität für die nächsten Jahre.

Der virtuelle Wohnungsrundgang könnte bald Alltag sein. Laut Experten wird VR-Technologie künftig zentral für die Immobilienwirtschaft sein.

Der virtuelle Wohnungsrundgang könnte bald Alltag sein. Laut Experten wird VR-Technologie künftig zentral für die Immobilienwirtschaft sein.

Der Hunger nach Bandbreiten steigt
Computergenerierte, virtuelle Welten sind nicht nur bei der Entscheidung für eine Immobilie ein wertvolles Hilfsinstrument. Für die Bewohner der Immobilien sind sie selbstverständlicher Bestandteil des täglichen Lebens. Ihre Anforderungen an die Netzinfrastruktur sind daher hoch – insbesondere die von Gamern und Video-Streamern, wie Raphael, dem Sohn der Familie R. „Gibt’s da schnelles Internet?“, war seine erste Frage, als der Umzug nach Köln anstand. Sein Bandbreitenhunger ist groß und wird in den kommenden Jahren noch steigen. Und nicht nur er schiebt viele Daten durchs Netz. Seine Mutter, die Lehrerin, recherchiert oft im Internet und spielt am Wochenende gerne Adventure Games oder guckt Filme bei Netflix. Und Vater Christian betreibt einen Internetshop. Für ihn bedeutet eine schnelle und stabile Netzanbindung nicht nur Spaß, sondern weit mehr.


Bildrechte:  © Immoviewer  / © Florian Trettenbach /  © iStock /  © Immoviewer