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Interview: Das neue Fernsehverhalten

Klassischer TV-Konsum auf der Couch nimmt ab, spontanes zeitversetztes Sehen wird wichtiger. Im Interview spricht Kommunikationswissenschaftler Martin Emmer über die Digitalisierung des Fernsehens und die veränderten Fernsehgewohnheiten.

Früher schauten alle sonntags um Viertel nach 8 den Tatort, heute stehen uns immer mehr Programme zur Verfügung und wir können Sendungen zeitversetzt sehen: Raubt die Digitalisierung der Nation das gemeinschaftliche TV-Erlebnis?
Weitgehend ja. Früher war das Fernsehen so etwas wie das Lagerfeuer der Gesellschaft. Aber schon mit dem Privatfernsehen wuchs die Programmvielfalt und das Publikum teilte sich auf mehr Programme auf. Die Digitalisierung verstärkt diese Fragmentierung. Jeder kann heute aus unzähligen Bewegtbild-Quellen genau das auswählen, was ihn interessiert. 

Jeder kann heute aus unzähligen Bewegtbild-Quellen genau das auswählen, was ihn interessiert.

Was bewirkt die Fragmentierung gesellschaftlich?
Mit Ausnahme großer Ereignisse, etwa des Eurovision Song Contests oder einer Fußball-EM, schwindet der Straßenfeger-Charakter einzelner Sendungen. Gleichzeitig behält das Fernsehen aber seine integrative Kraft. Heute können sich Menschen spontan um ein Smartphone scharen und ein Video gemeinsam anschauen. Und Sendungen wie der Tatort bleiben Gesprächsthema, nur schauen viele ihn heute nicht sonntagabends, sondern zeitversetzt in der Mediathek an.

Welche veränderten Fernsehgewohnheiten stellen Sie fest?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Ein 60-Jähriger hält in der Regel trotz neuer Möglichkeiten an seinen Sehgewohnheiten fest. Gerade bei Menschen bis 25 bildet sich aber oft ein Nutzungsstil heraus, der geprägt ist von selektivem, zeitversetztem Sehen. Man sitzt nicht mehr abends um 8 vor dem Fernseher und lässt sich berieseln, sondern schaut zu verschiedenen Zeiten gezielt, oft aber nur für kurze Zeit. Die Aufmerksamkeit ist bei dieser Art der Nutzung oft höher.

Der klassische TV-Konsum auf der Couch wird weniger werden. Gleichzeitig bleiben Fernsehen und seine Inhalte wahnsinnig attraktiv.

Wie weit wachsen Internet-Videos, On-Demand-Dienste und klassisches Fernsehen bis in 20 Jahren zusammen? 
Eine Prognose über so einen langen Zeitraum ist äußerst schwierig. Klar ist für mich aber: Der klassische TV-Konsum auf der Couch wird weniger werden. Gleichzeitig bleiben Fernsehen und seine Inhalte – ob Filme oder Shows – wahnsinnig attraktiv. Die Bedeutung noch relativ junger Player wie Netflix wird wachsen – gerade aus deren Reihen sind für die nächsten Jahre viele Experimente zu erwarten.