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Kein Haus wie jedes andere

Digitale Technologie hält Einzug ins Haus. Beispiele wie eine Modellsiedlung in Wüstenrot zeigen: Sie macht nicht nur das Leben einfacher, sondern bringt auch Vorteile für die Umwelt.

Familie Fritz vor ihrem Haus in Wüstenrot. Ihr Eigenheim ist Teil eines Modellprojekts zu nachhaltiger Energienutzung.

Familie Fritz vor ihrem Haus in Wüstenrot. Ihr Eigenheim ist Teil eines Modellprojekts zu nachhaltiger Energienutzung.

Ein Haus, gebaut nach den eigenen Vorstellungen, komfortabel zu bewohnen, und das ohne laufende Energiekosten – Familie Fritz ist rundum glücklich mit ihrem Eigenheim in Wüstenrot, das sie 2013 bezogen hat. „Wir würden alles wieder genauso planen und umsetzen“, sagt Andre Fritz. Das Zuhause von Vater Andre, Mutter Marita und den Söhnen Louis und Laurin ist kein Haus wie jedes andere: Es gehört zu einer Plusenergiesiedlung im baden-württembergischen Wüstenrot und ist Teil eines Modell- und Forschungsprojekts zu nachhaltiger Energienutzung. 2007 hat sich die 6.600 Einwohner große Gemeinde auf den Weg gemacht, bis 2020 den Plusenergiestandard zu erreichen. 

Bis dahin soll ihr gesamter Energiebedarf aus lokalen Ressourcen gewonnen werden – erneuerbare Energie aus der Gemeinde für die Gemeinde. Für Wüstenrot eine Investition in die eigene Attraktivität: „Wir wollen Bürger überzeugen zu bleiben und neue Bürger dazugewinnen“, erklärt Thomas Löffelhardt, der Technische Leiter und Energiebeauftragte Wüstenrots. Er war die treibende Kraft hinter der Initiative – die Idee wurde in seiner freien Zeit geboren und bis ins Bundesministerium für Wirtschaft und Energie getragen, das das Projekt mit Namen „envisage Wüstenrot“ heute mit Bundesmitteln fördert. Von den Erfahrungen sollen auch andere Gemeinden profitieren. Eines der Herzstücke: die Siedlung „Vordere Viehweide II“, in der etwa 100 Menschen leben, darunter Familie Fritz. In dem Neubaugebiet soll gezeigt werden, was technisch möglich ist, um marktunabhängige und langfristig fixe Energiepreise für die Bürger, Energieautarkie und eine gute Versorgung mit Breitband und Telekommunikation zu erreichen.

Thomas Löffelhardt ist die treibende Kraft hinter dem Projekt in Wüstenrot.

Nachhaltige Modellsiedlung

Das Ehepaar Fritz hatte schon lange ein Grundstück auf der Vorderen Viehweide als Baugrund auserkoren. Dann kristallisierte sich heraus, dass die Gemeinde dort von einem Nahwärmenetz versorgte Plusenergiehäuser ansiedeln wollte. Das Paar war sofort begeistert von der Idee, denn Nachhaltigkeit sollte in seinem Traumhaus eine große Rolle spielen.

„Wir wollten eine Wärmepumpe und haben darüber nachgedacht, uns mit Erdwärme zu versorgen, also zu bohren.“ Im Verlauf des Projekts envisage fiel die Entscheidung für eine andere Lösung: die Agrothermie. Auf einer Ackerfläche wurden Erdwärmekollektoren verlegt: Rohre in zwei Meter Tiefe, die mit einem Wasser-Glykol-Gemisch gefüllt sind. Die natürliche Erdwärme heizt das Gemisch auf bis zu 15 Grad auf. 

Anschließend verdichten es Wärmepumpen in den Häusern, sodass seine Temperatur ansteigt und es zum Heizen genutzt werden kann. Betrieben werden die Pumpen über Photovoltaikanlagen, die alle Häuser auf dem Dach haben. „Darüber haben wir ein virtuelles Kraftwerk gelegt, eine Regel- und Steuerungstechnik eingebaut und ein Monitoring installiert“, erklärt Löffelhardt. Damit können die Energieflüsse so geregelt werden, dass die Bewohner immer die günstigste Variante der Energieversorgung zur Verfügung haben.

Nie wieder Strom ablesen: Ein intelligenter Stromzähler im Keller kommuniziert selbstständig mit dem Netzbetreiber.


Ohne Smart Metering läuft nichts

Zentral für das Gelingen dieser bedarfsgerechten Versorgung, ohne die das Ziel der Plusenergiegemeinde nicht zu erreichen ist, ist Smart Metering: intelligente Stromzähler, die in Echtzeit informieren, wer wann wie viel Energie verbraucht, und die selbstständig mit dem Netzbetreiber kommunizieren. Voraussetzung dafür ist eine stabile Konnektivität. Die Infrastruktur – sprich: die Breitbandanbindung – stellt Unitymedia zur Verfügung. „Man kann sagen: Unitymedia versorgt uns mit der Möglichkeit, Smart Metering überhaupt umzusetzen“, sagt Löffelhardt. „Wir brauchten einen Partner, der Smart Metering sofort umsetzen konnte, um die Häuser mit der neuesten Technologie zu versorgen.“ 


Die Technik macht’s

Von all dieser Technik bemerkt Familie Fritz nichts. Wohl aber von deren Folgen: „Wir sind in unserem Haus autark und haben in der Regel sogar noch Energie über“, sagt Andre Fritz.  Und auch die Bedienung sei kinderleicht: „Das unterscheidet sich nicht von der konventionellen Heizung in unserer früheren Wohnung. Da muss man nicht technisch hochbegabt sein.“ Auch Löffelhardt bestätigt: Dass sie in einem weit moderneren Haus wohnen als der Schnitt der Bevölkerung, merken Bewohner nur an den Einspareffekten. „Die Technik erledigt alles.“ Und das erfolgreich: Im Schnitt seien die Häuser zu 70 bis 75 Prozent autark, die Bewohner sparten durchschnittlich etwa 60 bis 80 Prozent Energiekosten. 

Wer jetzt den Anschluss verpasst, läuft Gefahr, am Ende auf die Bereitstellung des physischen Wohnraums reduziert zu werden.

Thilo Zelt, Initiative Intelligente Vernetzung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie

Mehrwert für die Bewohner

So ist Wüstenrot ein gutes Beispiel für das Potenzial, das neue Technologien, Digitalisierung und Vernetzung für Umwelt – und Komfort – bringen können. Eine Studie von Bitkom und Fraunhofer-Institut mit dem Titel „Gesamtwirtschaftliche Potenziale intelligenter Netze in Deutschland“ kommt zum Schluss, insgesamt könne mit jährlichen Effizienzsteigerungen von bis zu 9,03 Milliarden Euro durch intelligente Netze im Energiebereich in Deutschland gerechnet werden. Auch für Thilo Zelt, den Leiter der Initiative Intelligente Vernetzung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, liegen die Vorteile der Digitalisierung für die Umwelt auf der Hand. „Sie kann ganz klar zu Ressourceneinsparungen führen.“ Gerade die Wohnungswirtschaft werde sich mit am nachhaltigsten verändern, sagt Zelt, allein schon durch die Anforderungen der künftigen Bewohner.

„Breitbandanbindung ist der erste Schritt, bald werden auch Angebote intelligenter Vernetzung in der Wohnung Einzug halten.“ Dazu zählten Steuerung und Senkung des Energieverbrauchs, aber auch Angebote, die durch Sensorik etwa das eigenständige Leben im Alter unterstützen würden. „All das sind wichtige Mehrwertleistungen für künftige Bewohner.“ Derzeit macht beispielsweise das Apartimentum von Xing-Gründer Lars Hinrichs als „intelligentestes Haus Deutschlands“ von sich reden. Ultrachic, teuer und nur für begrenzte Zeit zu mieten, sollen die Wohnungen in dem Hamburger Haus über alles verfügen, was aktuell in Sachen Smart Living machbar ist.

Mehr Zeit: Familie Fritz genießt es, in ihrem Haus zu leben – und dass die Technik sich still und leise um alles kümmert.

Mehr Zeit: Familie Fritz genießt es, in ihrem Haus zu leben – und dass die Technik sich still und leise um alles kümmert.

Mit der Zukunft schon mal angefangen

Bis solche smarten Gebäude in der Breite angekommen, sprich auch bezahlbar sind, wird wohl auch noch Zeit vergehen. Doch Zelt appelliert, es sich ja nicht zu bequem zu machen: „Wer jetzt nicht reagiert, dem entgeht die Chance, sich neue Märkte zu erschließen.“ Für die Wohnungswirtschaft müsse die Frage lauten: Wie kann sie an den neuen Services partizipieren? „Wer hier den Anschluss verpasst, läuft Gefahr, am Ende auf die Bereitstellung des physischen Wohnraums reduziert zu werden.“ Und Familie Fritz? Die hat mit der Zukunft einfach schon mal angefangen und ist glücklich damit. Viele seien anfangs misstrauisch gegenüber der neuen Technik gewesen. Nun habe sich bestätigt: Es klappt. Und was am wichtigsten sei: „Wir leben sehr gern in diesem Haus. Alles funktioniert wie geplant. Und wir finden: Ein Modell wie dieses soll Schule machen – wir zeigen hier, wie auch andere in Zukunft energieautark leben können.“
 

© Christian Mader / iStock