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Raumwunder

In Großstädten weltweit wird der Platz knapp. Wohnen auf kleinem Raum ist deshalb angesagt – Immobilienunternehmen und Architekten feilen an den besten Konzepten.

Der Berliner Architekt Van Bo Le-Mentzel bringt Interessierten bei, wie man ein Tiny House baut.

Der Berliner Architekt Van Bo Le-Mentzel bringt Interessierten bei, wie man ein Tiny House baut.

Für Van Bo Le-Mentzel ist es nicht einfach nur ein Projekt. Es ist eine Mission. Der Berliner Architekt hat ein Haus entworfen, das alles auf einmal sein soll: ein Anlageobjekt, ein Ort der Begegnung und ein erschwinglicher Wohnraum in der Großstadt Berlin. „Co-Being House“ hat Le-Mentzel sein Haus genannt und der Name ist Programm. Alt und Jung, Arm und Reich, alle sollen hier in insgesamt 200 Wohnungen ein Zuhause finden. Neben ganz normalen Wohnungen wird es auch zahlreiche sogenannte Mikroapartments geben. Wohnungen mit nur 6,4 Quadratmetern.

Kann man auf so kleinem Raum leben? Ja, meint Van Bo Le-Mentzel, der sich auf Walter Gropius, den Begründer der Bauhaus-Bewegung, stützt. „Der Raum ist intelligent aufgeteilt. Er gewinnt durch seinen Grundriss und das Tageslicht.“ So wäre im Ess-Wohn-Bereich Platz für ein Sofa und einen schmalen Tisch, eine Küchenzeile sowie ein Bad mit Duschkabine. Über eine Leiter gelangt man nach oben in den Arbeits- und Schlafbereich. Neben dem Bett lässt sich ein Schreibtisch ausklappen.

100 Euro Miete
Menschen mit hohen Ansprüchen werden dort wohl nicht glücklich – aber für diese Zielgruppe sind diese auch gar nicht gedacht. Die Miete soll lediglich 100 Euro betragen. Heizung und schnelles Internet inklusive. Mit seinem Projekt will Le-Mentzel eine Antwort geben auf die Probleme moderner Großstädte: Wohnungsmangel und steigende Mieten. So ziehen nicht nur in Deutschland immer mehr Menschen in die Städte, das Land verödet. Allein zwischen 2005 und 2015 sind deutsche Großstädte und Ballungsgebiete um 1,4 Millionen Einwohner gewachsen, stellte der Raumordnungsbericht 2017 des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung fest. Im selben Zeitraum schrumpften mittelgroße Städte um 37 Prozent und Kleinstädte sogar um 52 Prozent. Eine Herausforderung für Architekten und Stadtplaner.

Architekt Van Bo Le-Mentzel will die Probleme moderner Großstädte lösen.

Tiny Living heißt das Konzept, dem sich Architekten wie der Berliner Le-Mentzel verschrieben haben. Eine Bewegung, die in den USA ihren Anfang nahm und die auch in Deutschland angekommen ist. Der Gedanke: ein Haus auf Rädern, das flexibel überall aufgestellt werden kann. In Deutschland verkomplizieren das allerdings Vorschriften und Verordnungen. Aber es geht ohnehin um viel mehr als um fahrbare Häuser. Wird der Platz knapper, muss das Leben eben auf engerem Raum stattfinden. Für die Deutschen ist das ungewohnt. So betrug die durchschnittliche Wohnfläche in der Nachkriegszeit pro Kopf 20 Quadratmeter – heute liegt sie bei 44 Quadratmetern. Perspektivisch wird Wohnraum jedoch wieder kleiner und effizienter werden, sagen Experten.

Vor dem Bauhaus-Archiv in Berlin steht mittlerweile ein ganzes Dorf von fahrbaren Minihäusern, zu Demonstrationszwecken. In sein Tiny House hat Le-Mentzel eine Tiny House Design School gebaut. Jeden Donnerstag um 16 Uhr bringt er Architekt dabei kostenlos Interessierten bei, wie man ein Tiny House baut. Toiletten gibt es allerdings nur im benachbarten Bauhaus-Archiv. Auch WLAN kommt aus dem Museum. „Ohne Gemeinschaft gibt es kein Tiny House, man ist immer auf gute Nachbarschaft angewiesen“, sagt der Architekt.

Ohne Gemeinschaft gibt es kein Tiny House

Van Bo Le-Mentzel, Architekt

Auch bei den Mikroapartments der Mercurius Real Estate AG in Frankfurt am Main und Heidelberg geht es um Nachbarschaft. Allerdings in etwas anderem Sinne. Denn das Konzept des Unternehmens ist, zentral gelegene Wohnungen mit kurzen Wegen und hervorragender Verkehrsanbindung zu schaffen. 20 Quadratmeter sind die Miniapartments im Schnitt groß und kosten 420 Euro Miete im Monat. Zuzüglich Nebenkosten. Zur Grundausstattung gehören hochmoderne Badezimmer und schnelles Internet.

Im Frankfurter Wohnheim Cubity leben die Studenten auf 7,2 Quadratmetern.

Für Wohnkonzepte wie dieses bietet Unitymedia künftig Lösungen. So wird 2018 COAX-WLAN neu auf den Markt kommen, ein Produkt für möblierte Apartments mit Kurzzeitmietern. Für die Installation ist lediglich eine COAX-Inhouse-Verkabelung nötig. Dieses Konzept könnte auch für Studentenwohnheime interessant sein. Denn besonders für Studenten spielt die Internetverbindung eine große Rolle. „Verwalter von Studentenwohnheimen berichten häufig, dass für Studenten der Ausfall des warmen Wassers weniger gravierend ist als der Ausfall des Internets“, sagt Simon Klose, Key Account Manager im Bereich Special Accounts von Unitymedia.

2009 hat die Mercurius Real Estate AG erkannt, dass das Konzept Miniwohnen ideal ist für einen Ballungsraum wie Frankfurt, wo viele Arbeitskräfte in die Stadt pendeln. „Die Bewohner unserer Apartments sind überwiegend Pendler und Berufseinsteiger, die eine schöne und funktionale Bleibe für eine gewisse Zeit brauchen“, sagt Marc-Alexander Reinbold von der Mercurius Real Estate AG. Die Wohnung muss mit allem ausgestattet sein, was diese Mieterklientel benötigt – auch funktionsfähigem Highspeed-Netz. Mittlerweile hat Mercurius 7 Gebäude mit mehr als 1.300 Wohnungen errichtet. Weitere sind in Planung. Ein Jahr beträgt die Mietdauer der Objekte im Schnitt. Mikroapartments wie diese schießen derzeit in vielen deutschen Großstädten und Ballungsgebieten aus dem Boden. Die Nachfrage ist immens.

Damit auch ihre Kommilitonen in Frankfurt am Main bezahlbaren Wohnraum finden, haben sich Architekturstudenten der TU Darmstadt einem in Deutschland bisher einmaligen Projekt gewidmet: Cubity heißt der Würfel, der 2016 in Frankfurt-Niederrad gebaut wurde. Von außen mutet das Gebäude mit seiner lichtdurchlässigen Fassade hochmodern an – innen jedoch wird es richtig futuristisch. Das Haus wurde aus Fertigbaumodulen errichtet und hat insgesamt 256 Quadratmeter. Darin enthalten sind 12 Boxen mit einer Wohnfläche von je 7,2 Quadratmetern, die sich auf 2 Etagen verteilen. Die Würfel sind die Zimmer der Studenten. Ähnlich wie bei Van Bo Le-Mentzels Co-Being House setzten die Architekten von Cubity auf Gemeinschaft: Das Herzstück von Cubity ist der sogenannte Marktplatz, eine Wohnküche, die die Bewohner wie bei einer überdimensionalen WG beim Kochen und Zusammensitzen mit Leben füllen. 250 Euro Miete zahlen die Bewohner jeden Monat.

Von außen prägt die lichtdurchflutete Fassade das Erscheinungsbild von Cubity.

Von außen prägt die lichtdurchflutete Fassade das Erscheinungsbild von Cubity.

New York rückt zusammen
Denn nicht nur in Frankfurt haben Studenten und Mieter mit kleinem Budget Probleme, eine bezahlbare Bleibe zu finden. Wohnungsnot ist weltweit ein Problem. In New York City besagte ein Gesetz vor Kurzem noch, dass Wohnraum in der Stadt nicht kleiner als 37 Quadratmeter sein darf. Das sollte ursprünglich Familien helfen, war jedoch in einer Stadt, in der 30 Prozent der Bevölkerung allein leben, längst nicht mehr zeitgemäß. Nach einer Gesetzesänderung entstand 2015 der nARCHITECTS’ Carmel Place in Manhattan, der erste Wohnblock mit Mikroapartments: 55 Mikrowohnungen mit 24 bis 34 Quadratmetern, zusammengesetzt aus Fertigbauteilen. 22 der Wohnungen werden als Sozialwohnungen vermietet, die übrigen 33 zum Marktpreis – für rund 3.000 Dollar pro Monat. Auch für New Yorker Verhältnisse ist das ein stolzer Preis.

Der Berliner Architekt Van Bo Le-Mentzel will sein Co-Being House unbedingt in die Tat umsetzen. Derzeit verhandelt er mit Vertretern der Städte Wolfsburg und Potsdam, die Interesse an dem Projekt angemeldet haben. „Und dann fehlen nur noch Investoren.“


© Laurin Schmid / © Mercurius Real Estate AG; Thomas Ott