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„Wir müssen umdenken“

Silke Weidner, Professorin für Stadtmanagement an der TU Cottbus, verrät im Interview, wie sich deutsche Städte in Zukunft entwickeln werden – und wie Science-Fiction bei der Stadtplanung helfen kann.

Frau Professor Weidner, Science-Fiction soll bei der Stadtplanung helfen? Das klingt erst einmal verrückt. 
Ein bisschen verrückt ist es ja auch. Und doch haben wir eine solche Studie durchgeführt, es war sogar ein Forschungsprojekt im Auftrag des Bundes. Wir haben gut 50 Science-Fiction-Werke durchforstet, die nach 1970 entstanden sind. Bücher, Romane, Games, aber vor allem Filme. Klar wurde ziemlich schnell: Mittels Scifi kann man einen Schritt zur Seite treten und auf die Realität schauen: Was könnten wir für die Zukunft lernen und was könnte das für die Stadtplanung heißen? Meist geht es in den Werken um ein stark dystopisches Zukunftsbild: Es gibt kaum positive Utopien. Das leuchtet aber ein, sonst wären die Geschichten etwas langweilig.

Gibt es etwas, von dem wir heute etwas lernen können?
Lernen würde ich jetzt nicht sagen. Denn dafür sind die Narrative zu wenig auf heutige Städte übertragbar, Scifi kommentiert unsere gesellschaftliche Wirklichkeit kritisch, indem sie uns in ein spannendes, aber eben auch relevantes Setting an einem fremden Ort versetzt. Es gibt aber durchaus Themen, aus denen wir Schlüsse ziehen können: Zum Beispiel gibt es meist einen Kampf von Gut gegen Böse. Und auch in heutigen Städten gibt es beispielsweise Immobilienspekulanten, die viele gemeinhin als böse einstufen, und die öffentliche Hand, die auf der guten Seite gesehen wird.

Immobilienunternehmen müssten kreative Lösungen finden

Was sind denn für Stadtplaner die Herausforderungen der Zukunft?
Zum Beispiel Demografie. Die Bevölkerung in Deutschland insgesamt schrumpft, in einigen Ballungsgebieten hingegen wächst sie rasant. Das kann sich aber schnell ändern. Berlin beispielsweise ist jahrelang geschrumpft, wächst nun aber rasant. Stadtplanung hinkt mit ihrem Instrumentarium hinterher, kann oft nicht so schnell reagieren. Auch der Klimawandel ist ein Thema, denn dadurch migrieren Menschen stärker in Städte.

Werden wir hier auch bald auf so dichtem Raum leben wie in Japan?
Definitiv nicht. Wir leben hier in Deutschland im internationalen Vergleich immer noch auf großer Fläche. Wir jammern auf hohem Niveau. So hat sich der Grundriss von Wohnungen in den vergangenen 100 Jahren kaum verändert. Aber klar wird es in einigen Großstädten dichter. Hier müssten Immobilienunternehmen kreative Lösungen finden. Aber auch die Bevölkerung muss umdenken: Brauche ich wirklich meinen eigenen Fahrradkeller, meine eigene Garage und mein eigenes Arbeits- oder Gästezimmer? Hier sind Sharing-Lösungen, flexible Gemeinschaftsräume gefragt.

Was ist denn das drängendste Thema der Stadtplanung in Deutschland?
Attraktiven und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Dafür müsste auch der Bund darüber nachdenken, wie er mit seinem Grund und Boden umgeht. Oft werden Grundstücke einfach meistbietend verkauft. Wenn Immobilieninvestoren für die Fläche bereits viel bezahlen, ist klar, dass kein bezahlbarer Wohnraum entsteht. Denn auch Baukosten sind derzeit horrend. Wenn der Bund stattdessen seinen Boden etwa über eine Stiftung verwalten würde, könnte das die Preise senken. Aber das müsste politisch gewollt sein.
 

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